Unternehmer Geist: Ich liebe diese Geschichte

Fantastischleben-Blog von Klaus Pertl – Posted on 

Das ist Unternehmer Geist. Es ist die Geschicht von einer Bürgerinitiative, die beschloß selbst zu einem Stromversorger zu werden und heute einen Umsatz von 70 Millionen Euro im Jahr generiert. Es ist die Geschichte der ElektrizitätsWerke Schönau.
Gehen Sie auf ihre Webseite und lesen Sie die Berichte über diese Gruppe außergewöhnlicher Menschen.

Hier eines der Artikel die ich dort gefunden haben:

Manchmal beginnen grosse Ideen mit einem kleinen Inserat. «Wer hat nach Tschernobyl Angst um die Zukunft seiner Kinder und Enkel?», schreiben Sabine und Wolf-Dieter Drescher im Sommer 1986 im «Schönauer Anzeiger». «Wer möchte etwas tun und weiss nicht, wie?»
Die wenigen Zeilen sind der Anfang einer Erfolgsgeschichte im Südschwarzwald, in deren Verlauf selbst gestandene Manager von Stromversorgern sich oftmals erstaunt die Augen reiben.

Auf das Inserat hin trifft sich eine Gruppe von Leuten, die sich schon nach wenigen Monaten einen Namen und ein Ziel gibt: «EfaZ» – «Eltern für eine atomfreie Zukunft». Sie beschliessen, fortan «Massnahmen zu fördern und zu ergreifen, die den schnellstmöglichen Verzicht auf die Nut zung der Atomenergie ermöglichen». Was mit kulturellen Darbietungen der EfaZ-Band «Wattkiller», Informationsständen und Stromsparwettbewerben beginnt, nimmt schon bald ernsthafte politische Dimensionen an: 1990 bieten die Kraftübertragungswerke Rheinfelden (KWR) der Stadt Schönau 100’000 Mark unter der Voraussetzung, dass diese die Konzession für das städtische Stromnetz vier Jahre im Voraus und auf 20 Jahre hinaus zugunsten der KWR verlängert.

Der Gemeinderat stimmt dem Geschäft zu – ein unerträglicher Entscheid für die EfaZ-Aktivistinnen und -Aktivisten, zumal die KWR ihren Wunsch nach atomfreiem Strom schnöde abschlagen. Sie ergreifen das Referendum und gewinnen in einem denkwürdigen Abstimmungskampf im Herbst 1991.

Nun beginnt für die Aktivistinnen und Aktivisten um den Arzt Michael Sladek und seine Frau Ursula die harte Arbeit erst richtig: Man beschliesst, den KWR das Schönauer Stromnetz abzu kaufen. Die Gruppe gründet die Netzkauf GmbH und findet mit der GLS-Gemeinschaftsbank in Bochum einen Partner, der bereit ist, das notwendige Geld in das gewagte Unter nehmen zu stecken. Mit einem eigens aufgelegten Fonds und Spenden aus ganz Deutschland kommen innert Kürze vier Millionen Mark zusammen.

Im Herbst 1995 überträgt dann der Schönauer Gemeinderat tatsächlich die Konzession an die Netzkauf GmbH – aber die unterlegenen Gegner, die von den KWR unterstützt werden, haben gelernt. Nun ergreifen sie das Referendum, und in Schönau kommt es noch einmal zu einem Abstimmungskampf auf Biegen und Brechen. Ein paar wenige Stimmen machen schliesslich den Unterschied zugunsten der «Strom rebellen» aus.

Auch dieses Mal geht der Kampf weiter: Die KWR fordern für ihr Stromnetz 8,7 Millionen Mark, die Schönauer sind bereit, vier Millionen zu zahlen. Eine bundes weite Werbekampagne mit dem Slogan «Ich bin ein Störfall», gratis kreiert von einer renommierten Agentur, lässt die KWR ihre Forderung auf 5,7 Mil lionen reduzieren. Immer noch zu viel für die Schönauer. Sie zahlen unter Vorbehalt – und ziehen vor Gericht. Dieses legt schliesslich eine Zahlung von 3,5 Millionen Mark fest.

Am 1. Juli 1997 können die Elektrizitätswerke Schönau schliesslich das Stromnetz des einst übermächtigen Gegners übernehmen. Seither verkaufen sie Strom, der garantiert nicht aus Atom- oder Kohlekraftwerken stammt. Dank der Strommarktliberalisierung in Deutschland geht die Erfolgsgeschichte der EWS, der seit sieben Jahren mit Ursula Sladek eine Aktivistin der ersten Stunde vorsteht, noch weiter: Rund 90’000 Haushalte in Deutschland beziehen mittlerweile Ökostrom aus Schönau.

Ursula und Michael Sladek sind für ihr Engagement in den vergangenen Jahren vielfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Deutschen Gründerpreis, dem Europäischen Solarpreis und der Ashoka Fellowship.

Buchtipp: 
Bernward Janzing: «Störfall mit Charme. Die Schönauer Stromrebellen im Widerstand gegen die Atomkraft»; Doldverlag, 2008, 128 Seiten, 185 farbige Abbildungen, Fr. 32.90